August 1, 2022

Du bist Pipi Kacka!

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“Du bist Pipi Kaka Blöd!” Irgendwann beginnen alle Kinder, mit Schimpfworten zu experimentieren. Manche probieren aus, wie Mama, Papa, Oma, Opa auf Schimpfworte reagieren und manche nutzen Schimpfworte gezielt als Strategie, um die Wut zu entladen. Ganz unterschiedlich sind unsere erwachsenen Reaktionen darauf und der Umgang damit. Nicht alle können gelassen auf Pupskackawürste reagieren.

Das erfährst du in dieser Folge:

  • Warum sind Schimpfworte so reizvoll
  • Der Unterschied zwischen Fluch und Beleidigung
  • Vorschläge für Schimpf-Regeln

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Inhalt 

  • “Kackawurst!” “Hallooo du kacka!”
  • Jetzt ist aber mal gut! Sowas sagt man doch nicht! Wenn Kinder beginnen, Schimpfwörter zu sagen, ist erstmal einiges los. Wo hat er das denn her? Also von uns sicher nicht! Das hat sie doch in der Kita gelernt!
  • Aufgeregt werden Schuldige gesucht und gefunden - es sind auf jeden Fall immer die anderen, bei denen die Kinder das gelernt haben.
  • Schnell wird versucht, die Reißleine zu ziehen und das ungehörige Verhalten im Keim zu ersticken. Doch genau das hilft leider meist am wenigsten, denn was ist wohl das Spannende an dieser Wortwahl? Genau - die Reaktionen von uns Erwachsenen.
  • “Pupskackawürste” geben den Kindern Macht, die sie sonst nie haben. In so vielen Dingen sind sie von uns abhängig. Wir entscheiden, leiten und führen, helfen beim Essen beim Trinken und umsorgen fürsorglich. Doch wenn erstmal das Sprechen relativ gut beherrscht wird, kann man auch mal anfangen, mit der Sprache und den bereits gelernten Worten zu experimentieren.

Verbotene Schimpfwörter sind faszinierend

  • Das ist schon spannend, wie empört Mama oder Papa auf einmal sind, wenn das Kind “Kacka” sagt. Entsetzte Blicke und ein mahnender Satz folgen meist “Das ist aber nicht schön!”. 
  • Wer entscheidet schon, ob Worte schön sind oder nicht? Es ist für Kinder zunächst ziemlich witzig und faszinierend, was passiert, wenn Schimpfwörter benutzt werden. Unsere erwachsenen Werte und Normen sind für unsere Kinder meist noch ziemlich unbedeutend. Neue Wörter und deren Verwendung sind erstmal pure Neugierde auf die Reaktionen und die Wirkung von Worten. Kindern ist dabei die Bedeutung der Worte noch gar nicht bewusst.
  • Doch klar ist, dass die Verwendung eines “bösen Schimpfwortes” die volle Aufmerksamkeit aller Erwachsenen auslöst. Und das muss erstmal erforscht werden. So nehmen Kinder wahr, dass es scheinbar irgendwie gesellschaftlich nicht erwünscht ist, “sowas” zu sagen, doch genau diese heimlichen Verbote machen die Forschung rund um neue Worte so spannend. 
  • Solche sozialen Normen und Werte zu erlernen, ist ein jahrelanger Prozess. Was wir wann sagen dürfen, wo in welchem Zusammenhang welche gesellschaftlichen Konventionen erwünscht und angebracht sind, was tolerierbar ist und was überhaupt nicht geht, das benötigt Zeit und Geduld und ist auch häufig in verschiedenen sozialen Kontexten sehr unterschiedlich. 
  • Daher erfordert es auch von uns Erwachsenen Geduld und Verständnis, wenn Kinder nicht direkt nach der ersten Ermahnung damit aufhören, “Kackawurst” zu sagen. 
  • Wieso finden wir Erwachsene es überhaupt so furchtbar, wenn Kinder “Scheiße” sagen, obwohl wir es doch auch selbst oft verwenden? 
  • Meist schwirrt doch nur unsere Angst im Hinterkopf, was wohl die anderen denken könnten. “Na, die haben ihr Kind ja mal gar nicht im Griff. Toll, jetzt hat mein Kind sich bei denen diese Schimpfwörter abgeguckt.”

Unterscheiden muss man zwischen Fluchen und echten Beleidigungen

  • Fluchen kann auch erlaubt sein. Wir alle fluchen mehr oder weniger und manchmal kann es eine bereinigende Wirkung haben. Wie gehst Du denn selbst mit frustrierenden Situationen um? Rutscht Dir auch manchmal ein lautes “Scheiße!” raus oder schimpfst Du beim Autofahren auf den “Sonntagsfahrer”?! Vielleicht kannst Du - wenn Du Dir selbst dieses Verhalten erlaubst - auch mit Deinen Kindern besprechen: “Wenn Du dich richtig doll ärgerst, kannst du xyz sagen.” So kriegen manche Schimpfwörter eine ganz natürliche Legitimation und verlieren so den Reiz des Verbotenen und werden automatisch weniger verwendet.
  • Dieses “was ist erlaubt und was nicht” ist von Familie zu Familie unterschiedlich. Bei manchen ist “scheiße” schon ein absolutes No-Go und bei anderen gehört es zum Alttagsslang. Du bist durch ein alltägliches Verhalten Vorbild für dein Kind. Wenn Du dir selbst ein “Arschloch” als Schimpfwort erlaubst, dann kannst Du deinem Kind schwer vermitteln, warum es das nicht selbst sagen soll.

Erkläre Deinem Kind deine Grenzen

  • Besonders im Vorschul- und Grundschulalter erweitert sich dann plötzlich der Wortschatz und die bisher harmlosen Worte wie “Pupskackaarsch” werden ergänzt durch “Arschgeige” oder noch schlimmer - so etwas wie “Hurensohn” oder “Spasti”. Ja, durchaus möglich, dass Kinder im Grundschulalter mit solchen Worten nach Hause kommen - ohne die Bedeutung zu erfassen. Bei diskriminierenden und ernsthaft beleidigenden Begriffen ist eine Grenze erreicht, die altersgerecht mit Kindern besprochen werden sollte. 
  • Hier hilft es nicht nur, zu schimpfen und die Worte zu verbieten, vielmehr solltest Du die Chance nutzen und die Empathie deines Kindes fördern. Erkläre, was das Wort bedeutet und warum es besonders verletzend ist. Wächst dein Kind in einem ansonsten stabilen und liebevollen Umfeld auf, verliert es meist recht schnell das Interesse daran und hört von selbst auf. 
  • Hilfreich könnte auch sein, zu vereinbaren, dass geflucht werden darf und Dinge blöd genannt werden können oder Verhalten, aber nicht Personen an sich. Also kein “Du bist kaka”, sondern ein “ich finde kaka, was du machst.”

6 familieninterne Regeln zum Fluchen 

Ich habe zuvor ja auch schon dafür plädiert, dass auch Dein Kind fluchen darf, da es eine menschliche Reaktion ist und ein Ventil sein kann. Du kannst mit dem Thema im Alltag durch verschiedene Regeln aber auch sehr spielerisch umgehen und Dein Kind unterstützen, dass gewisse Grenzen nicht überschritten werden. 

Regel 1: Mache Deine persönliche Grenze deutlich

  • “Was kann ich aushalten und wo ist meine Grenze? Wo darf ich mal so richtig fluchen?“
  • Du kannst mit Deinen Kindern durchaus schon besprochen, wo was gesagt werden darf und wo eine “Schimpfwortfreie Zone” ist.
  • Vielleicht gibt es auch ein bestimmtes “Zeichen”, dass Du mit deinem Kind absprechen kannst, damit es erkennt, wann Deine emotionale Reizschwelle definitiv erreicht ist. 

Regel 2: Herausfinden, was das Schimpfwort bezwecken soll

  • Bedenke: Wenn dein Kind z.B. sagt “Du bist kaka” oder “Du bist blöd” gilt auch hier: Es gibt einen Grund. Es kann einfach Ausprobieren sein, wie du wohl reagierst. Aber es kann auch sein, dass dein Kind wegen irgendwas verunsichert, irritiert oder enttäuscht ist. Und dann gilt es, den Grund herauszufinden, Einfühlung zu geben, usw. “Was findest du blöd? Dass deine Erzieherin heute nicht da war? Das macht dich vllt traurig. Das versteh ich gut.”

Regel 3: Erfindet neue Fantasieschimpfworte

  • Erfindet gemeinsam neue harmlose Schimpfwörter: Lasst eurer Fantasie freien Lauf! “Du borstige Haarbürste!” Oder vielleicht “Du klebriges Marmeladenbrot!” 
  • Falls euch keine eigenen Ideen kommen, könnt ihr auch den Schimpfwortgenerator von Geolino bemühen.
  • Ich habe das gerade mal ausprobiert und der mir präsentierte Vorschlag lautet: “Du frostige Pupsbeule!”
  • Gar nicht so schlecht finde ich. Teste ich später direkt mal an meinem Mann. 

Regel 4: Wenig Aufmerksamkeit schenken

  • Der Klassiker unter den Erziehungsmethoden: Was keine Aufmerksamkeit bekommt, verliert schnell an Reiz. Das Problem bei diesem Tipp ist nur: Irgendwo wird dein Kind schon dafür Aufmerksamkeit bekommen. Und wenn in der Kita oder bei Oma und Opa trotzdem alle empört sind, kann der kleine Forscher sind nicht vorstellen, dass Mama und Papa wirklich so ruhig bleiben und es möglicherweise doch noch bis aufs letzte ausreizen. Hier ist also entweder Durchhaltevermögen bei der Methode der Ignoranz gefragt oder ihr schwenkt um auf andere Methoden. 
  • Ich finde Ignorieren übrigens in gewissen Fällen legitim. Und zwar nur, wenn du merkst, dein Kind probiert sich mit neuen Worten aus. Ich möchte nicht propagieren, dass ihr euer Kind ignoriert, wenn es Schimpfworte aufgrund unangenehmer Gefühle sagt, denn dann ist es eine Strategie um zu verdeutlichen: Irgendwas stimmt gerade nicht. Und dann würde Ignoranz bedeuten: Ich wende mich dir erst wieder zu, wenn du wieder “gut” bist.

Regel 5: Mach mit

  • “Mitmachen” kann zum Beispiel eine Alternative zu Regel 4 sein. Damit verliert das Fluchen und Schimpfwörter den Reiz des Verbotenen. Du solltest aber versuchen bestimmte Bedingungen zu definieren, wie zum Beispiel: unter einer Decke kurz alles rauslassen oder im Badezimmer mit Spülvorgang. Beliebt ist auch das Spiel “Clementine Waschmaschine”. Dabei bastelt ihr aus Pappe eine Waschmaschine, die ihr euch auf den Kopf setzen könnt. Darin könnt ihr alle Schimpfwörter, die euch auf der Zunge liegen, aus vollstem Herzen rausbrüllen. Wenn ihr fertig seid, schließt ihr die Waschmaschinentür. Vor Waschgang könnt ihr einen Spruch sagen: “Schalt mich ein, schalt mich aus, die Gefühle dürfen raus!” Die Kinder nehmen dieses Ritual meist sehr ernst. 

Regel 6: Erläutere die Grenzen

  • Wenn Dein Kind doch mal Schimpfwörter mit nach Hause bringt, die aus deiner Sicht Grenzen überschreiten, dann schimpfe nicht einfach nur, sondern erkläre Deinem Kind den Hintergrund. Das gilt auch für Wörter, die für dich vielleicht noch ok sind, aber mit denen Dein Kind bei anderen Menschen anecken könnte. 
  • “Hier darfst Du das sagen, da gibt es vielleicht Leute, die wütend werden und es blöd finden, wenn du Das sagst”.
  • Ich freue mich wenn du mit diesen Tipps und Ideen zu einem spielerischen Umgang mit Schimpfwörtern mit Deinem Kind findest. Vielleicht musst Du dich dadurch auch selbst weniger vor Deinem Kind verstellen. 

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Hi, ich bin Annika, Expertin für frühkindliche Entwicklung und Spezialistin für die Beratung von Familien. Ich zeige dir, wie du dein Kind friedlich und bedürfnisorientiert durch die Autonomieentwicklung ("Trotzphase") begleitest.

Bedürfnisorientiert. Selbstbestimmt. Ganzheitlich.

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