Januar 2, 2021

Typisch Junge – typisch Mädchen?!

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“Es gibt halt nun mal Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die lassen sich einfach nicht wegdiskutieren!” oder auch “Aber meine Tochter wählt sich immer automatisch lieber die Puppen als die Autos aus. Das ist einfach so drin”.

Diese und ähnliche “Argumente” kommen häufiger, wenn man andere Erwachsene des Umfelds mit ihren eigenen stereotypen Vorurteilen zu Geschlechtern konfrontiert. Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien naturgegeben und die Kinder verhalten sich automatisch so. 

Mir ist es persönlich wichtig gegen Stereotypen anzukämpfen!

Mir liegt es persönlich sehr am Herzen, gegen geschlechterspezifische Stereotypen immer wieder anzukämpfen. Wir als Erwachsene und Eltern haben einen enormen Einfluss darauf, mit welcher Toleranz und Wahrnehmung von Vielfalt unsere Kinder aufwachsen. 

Dieser Beitrag dreht sich rund um Geschlechterbilder und Stereotypen. Ich werde Dir aufzeigen, welche Folgen diese für unsere Kinder haben. Zum Schluss gebe Dir noch 7 Tipps, wie Du Deinem Kind ein anderes Bild von Vielfalt vermitteln kannst.

Doch woher kommen diese Annahmen zu “typisch Junge” / “typisch Mädchen”?

Vielleicht bemühst auch Du dich schon, Dein Kind nicht geschlechtstypisch aufzuziehen. Und doch zeigen Studien, dass sowohl Eltern als auch Fachkräfte häufig in ihrem Erziehungsverhalten in traditionelle Geschlechterbilder rutschen.

“Also ich behandele ja alle gleich!”

Keine Vorurteile zu haben ist nicht möglich. Es ist unmöglich, Kinder unabhängig ihres äußerlich sichtbaren Geschlechts zu behandeln. Dazu haben viele von uns diese Einordnung und Sortierung der Welt zu sehr verinnerlicht. Das einzige, was Du tun kannst, ist Dein Handeln, Deine Entscheidungen und Deine Äußerungen immer wieder auf die Zuordnung zu einem Geschlecht hin zu reflektieren.

Es ist Teil unserer Kultur. Wir alle sind mit binären Vorstellungen aufgewachsen und unsere Umwelt ist noch immer sehr binär (also in zwei Geschlechter aufgeteilt) ausgerichtet. Wir müssen uns dem bewusst werden.

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Aber warum ist es so wichtig, uns dem bewusst zu werden und Stereotypen zu hinterfragen?

Wenn wir Mädchen als einfühlsam und sozial, zickig oder hinterlistig bezeichnen und Jungen als durchsetzungsfähig, laut, wild oder rücksichtslos, dann missachten wir die großen Unterschiede innerhalb der Geschlechter an sich. Wir tun so, als wären die Unterschiede im Geschlecht begründet und nicht in der Individualität des einzelnen Menschen. 

Durch dieses Verhalten schränken wir jedoch die Möglichkeit, sich frei zu entfalten und den individuellen Interessen nachzugehen, massiv ein. Fähigkeiten werden unterschiedlich stark gefördert und beeinflussen so auch die Ausgangsvoraussetzungen in der Bildung. Der Bewegungsdrang von Mädchen wird z.B. eingeschränkt, denn das Klettern ist vielleicht “viel zu gefährlich für ein Mädchen”. Mädchen wird vielleicht eher vorgelesen oder sie werden im kreativen Gestalten gefördert und Jungen eher in Themen des räumlichen Vorstellungsvermögens wie Bauen und Konstruieren. Es besteht somit die Gefahr, dass das Talent eines wortgewandten Jungen oder eines analytisch denkenden Mädchens, verkümmert.

Die Folge ist, dass viele Kinder ihre vermeintlichen Interessen daran ausrichten, was scheinbar durch ihr Geschlecht von ihnen erwartet wird. Sie beginnen, sich anzupassen, anstatt ihre Individualität auszuleben. Sie stehen zudem nicht für sich selber, ihre Vorlieben und Verhaltensweisen ein, wenn sie dahingehend nicht gestärkt werden. 

Um sich die Weltwirklichkeit anzueignen, probieren Kinder im Elementaralter (3-6Jahre) verschiedene Geschlechtsidentitäten aus und schlüpfen in verschiedene Rollen. Sie wollen von sich aus auch häufig mit jeweils anderen Geschlechtssymbolen experimentieren und Geschlechtergrenzen ausweiten. Je nachdem, welche Reaktionen Kinder darauf dann erhalten, entwickeln sich ihre Annahmen der Welt weiter. 

Es gibt Erwachsene, die dann aus Sorge (oder Angst vor Mobbing) die Individualität des Kindes in dieser Phase einschränken und die Kinder so verunsichern.

Sollte ich mein Kind nicht lieber vor Mobbing und Hänseleien schützen?

Ich kann die Sorge nachvollziehen. Vielleicht hast du selbst Hänseleien erlebt und möchtest dein Kind davor bewahren. Aber sollten wir nicht viel mehr mit den Fachkräften ins Gespräch gehen und fragen, wie in der Einrichtung mit der Thematik umgegangen wird? Mit Kindern, die hänseln, ins Gespräch gehen und darüber aufklären, dass es viele Facetten gibt, die in Ordnung sind. Intoleranz sollte früh thematisiert werden, denn dass “anders” nicht “falsch” ist, betrifft ja nicht nur Jungs in Kleidern, sondern auch Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit und ohne Behinderung, mit anderen Religionen, etc. 

Andernfalls wird dein Kind für seinen Wunsch nach Individualität und freier Entfaltung bestraft und es lernt: Ich bin nicht richtig mit dem, was ich mir wünsche und was ich tun möchte. 

Ein Mädchen mit typischem “Jungs-Verhalten” eckt weniger an als ein Junge mit typisch “weiblichem” Verhalten

Eine Frau, die Maschinenbau studiert, erhält gesellschaftlich mehr Anerkennung als ein Mann, der eine Ausbildung zum Erzieher macht. Mädchen, die wild sind, erhalten mehr positiven Zuspruch als Jungs, die sensibel sind. Was bedeutet das?

Geschlechtsstereotype schränken die Entfaltungsmöglichkeiten des Kindes ein. Das haben wir bis hierher verstanden. Doch was geschieht noch? Geschlechtstypische Eigenschaften werden unterschiedlich positiv oder negativ bewertet.

Wenn Jungen Verhaltensweisen zeigen, die eher einer weiblichen Symbolik zugeordnet werden, wird dieses Verhalten häufiger abgewertet, als wenn ein Mädchen sich eher “jungenhaft” verhält. 

“Du Mädchen!” als Schimpfwort?!

So entsteht auch noch eine unnötige Hierarchisierung der Geschlechtergruppen. “Der weint wie ein Mädchen” wertet gleich einen Großteil der Menschheit allein durch die Zugehörigkeit zu einer Geschlechtergruppe ab. Jungen, die sich möglicherweise ein Kleid anziehen und Glitzernägel lackieren, begegnen häufiger sexistischen und homophoben Reaktionen dazu. Welche Angst steckt dahinter? Dass Jungs dadurch schwul werden?! Die Annahme, dass eine sexuelle Orientierung durch eine Vorliebe für einen Kleidungsstil entsteht, ist absurd. Das gleiche gilt natürlich auch für die Angst vor dem "schwul sein" an sich. Was würde denn geschehen, wenn der Sohn homosexuell wäre? Es ist mir ein Rätsel.

Ein passendes Zitat gibt es dazu auch von der Psychologin Diane Ehrensaft:

"That’s because girls gain status by moving into “boy” space, while boys are tainted by the slightest whiff of femininity. There’s a lot more privilege to being a man in our society. When a boy wants to act like a girl, it subconsciously shakes our foundation, because why would someone want to be the lesser gender?

Frei übersetzt:

“Frauen gewinnen an Status und Ansehen, wenn sie sich in ein männerdominiertes Feld begeben, während Männer bei dem kleinsten Hauch von Weiblichkeit “befleckt” sind. Es ist privilegierter in der heutigen Gesellschaft ein Mann zu sein. Wenn ein Junge sich wie ein Mädchen verhält, rüttelt es an den Grundfesten unseres inneren Fundaments, denn wieso sollte jemand ernsthaft zum schwachen Geschlecht gehören wollen?”

Stereotype beeinflussen die Selbstwahrnehmung von Menschen und ihre Leistungsfähigkeit!

In einer Studie von Steele (1995) von der Stanford University wurde der Einfluss von Geschlechterstereotypen auf die Leistungsfähigkeit nachgewiesen: Die Testpersonen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, deren mathematische Leistungen vergleichbar waren. Eine Gruppe wurde vor dem Test darauf hingewiesen, dass bei diesem Test Männer und Frauen sehr unterschiedlich abgeschnitten haben. Frauen hatten anschließend in dieser Gruppe die deutlich schlechteren Ergebnisse als die Frauen in der Gruppe ohne den Hinweis auf die Geschlechterunterschiede.

Es geht nicht um Gleichmacherei, sondern um mehr Vielfalt!

Kinder sind überall mit Stereotypen konfrontiert und entnehmen ihrer Lebenswelt tagtäglich Informationen über Geschlechtersymbolik. Welches Verhalten scheint typisch weiblich, typisch männlich zu sein und wie ist die Bewertung dessen? Kinder können Verallgemeinerungen zunächst nicht erkennen und bewerten Stereotype als Wirklichkeit und Wahrheit. Sie lernen, welches Verhalten für ein Geschlecht scheinbar “normal” ist. Daher ist auch bei uns Erwachsenen so häufig “typisch männliches” und “typisch weibliches” Verhalten so fest im Denken verankert. 

Ein Beispiel: Ihr, als möglicherweise “heteronormatives Paar”, seid zu zweit im Home Office. Wer beginnt als erstes, sich um die Zubereitung des Mittagessens zu kümmern? Wer macht nebenbei nochmal schnell eine Maschine Wäsche fertig? 

Ich unterstelle mal, dass dies bei den meisten Paaren die weiblich aufgewachsene Person sein wird, solltet ihr nicht schon früh über die gerechte Aufteilung von Care- und Erwerbsarbeit gesprochen haben. In beiden Personen ist sehr wahrscheinlich tief verankert, wer dafür eher zuständig ist. 

Wie sensibilisieren wir andere Erwachsene im Umfeld des Kindes?

Oma, Opa, Onkel, Tante, Freunde, es passiert immer wieder: Nur so daher gesagte Sätze wie “Du bist doch wohl kein Mädchen” oder “Du bist ja eine richtige Dame” hinter denen kein tieferer Hintergedanke steckt, die aber Vorannahmen und Bewertungen der Welt reproduzieren. Kinder bauen diese Bewertung in ihre Sichtweise der Welt mit ein. 

Du fragst dich vielleicht, ob Du diese Diskussion in deiner Familie anstoßen solltest oder nicht. Es gibt sicherlich unpassende Momente, in denen es besser ist, einfach darüber hinwegzusehen. Doch wie soll ein Perspektivwechsel, eine Horizonterweiterung stattfinden, wenn wir unsere Antworten immer runterschlucken?

Und vor allem: Deine Tochter hört die Kommentare ja auch. Sie fragt sich vielleicht, wieso Opa findet, dass sie “ja ein halber Junge” sei und wieso das mit so einem wertenden Unterton gesagt wird. 

Doch du kannst hier als Anwalt/Anwältin deines Kindes fungieren und es verteidigen. So lernt dein Kind, dass die Individualität im Vordergrund steht und nicht die Zugehörigkeit zu einer von mehreren Gruppen. 

7 Konkrete Tipps für ein geschlechtersensibles Aufwachsen  

Du kannst auch selbst viel tun, außer nur auf Deine Sprache zu achten, um Deinem Kind die Individualität und Vielfalt zu vermitteln:

  1. Sprich über vielfältige Rollenvorbilder: Wenn ihr zuhause/in der Kita über Berufe sprecht, thematisiert Männer als Krankenpfleger genauso wie Frauen als Polizistinnen oder Physikerinnen.
  2. Schaffe eine Umgebung, in der verschiedene Aktivitäten möglich sind: z.B. Rollenspiel mit fürsorglichen Anteilen genauso wie Rollenspiele mit verschiedenen mutigen Held*Innen. 
  3. Spielzeug, Kleidung, etc. sollte nicht als “nur für Mädchen/nur für Jungen” bezeichnet werden. Biete Spielzeug in verschiedenen Farbvarianten und Ausführungen an.
  4. Ermutige Kinder, ihre Gefühle wahrzunehmen, kennenzulernen, auszuleben und zu benennen. Auch Weinen bei Jungs und wüten bei Mädchen sollte erlaubt sein.
  5. Wenn in Büchern Stereotypen vorkommen, könntest Du diese thematisieren oder mal verändern: Zum Beispiel könntest Du im Märchenbuch Geschlechter mal vertauschen. Der Prinz wird gerettet und die Prinzessin erobert die Welt.
  6. Fördere Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht in ihren Interessen: Dies gilt für ihren Bewegungsdrang, als auch für ihr Interesse für ruhigere Aktivitäten.
  7. Verwende “Mädchen” nicht als Beleidigung.

Wow - Du hast es bis hierher geschafft. Wie Du an der Länge und Ausführlichkeit des Artikels feststellen kannst, ist mir das Thema sehr wichtig. 

Wenn wir Kinder in ihrer Autonomie und Selbstbestimmung fördern und unterstützen wollen und sie zu starken, selbstbewussten Personen heranwachsen lassen möchten, ist es sehr wichtig, sich immer wieder in den eigenen Äußerungen zu reflektieren

Kommst Du gerade bei der Autonomieentwicklung deines Kindes auch immer wieder an deine Grenzen, obwohl Du dir ein hohes Maß an Selbstbestimmung für dein Kind wünschst?

Dann schau doch mal rein in meine kostenlose Videoserie: “Raus aus der Wutspirale!”.

Deine Annika

 

Hier noch ein paar Empfehlungen zum lesen zu dem Thema 

Bücher:

“Die Rosa-Hellblau-Falle”. Schnerring /Verlan. 2014

“Starke Mädchen, starke Jungen: Genderbewusste Pädagogik in der Kita”. Petra Focks. 2002

Blogs: 

"Die Rosahellblau-Falle"

Blogartikel

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Hi, ich bin Annika, Expertin für frühkindliche Entwicklung und Spezialistin für die Beratung von Familien. Ich zeige dir, wie du dein Kind friedlich und bedürfnisorientiert durch die Autonomieentwicklung ("Trotzphase") begleitest.

Bedürfnisorientiert. Selbstbestimmt. Ganzheitlich.

Du bekommst hier und auf meinem Instagram Kanal @deine_familienbande jede Menge wertvolles Knowhow und Impulse für deinen Alltag