September 14, 2020

Hauen, Kratzen, Beißen – Hintergründe und Tipps wie Du als Bezugsperson reagieren kannst

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In meiner letzten Umfrage auf Instagram hat sich eine große Mehrheit von euch einen Beitrag zum Thema “Hauen, Kratzen und Beißen bei Kleinkindern” von mir gewünscht. Das Abstimmungsergebnis hat mich nicht überrascht, denn Kinder, die hauen, kratzen und beißen, gehören gelegentlich zu meinem Kita-Alltag. Diese Verhaltensweisen und auch die damit verbundenen Fragen des Umgangs damit, treten phasenweise stärker auf. In diesem Blogbeitrag möchte ich dir die Hintergründe dieses Verhaltens aufzeigen und 5 konkrete Tipps als Handlungsempfehlungen mitgeben.

Beißen wirkt besonders erschreckend auf uns 

Aber lass uns zu Beginn kurz einordnen, was dieses Verhalten und speziell Beißen sowie Kratzen so besonders für uns Erwachsene macht. Beißen hat was animalisches! Als Erwachsene sind wir häufig selbst besonders erschrocken, wenn ein Kind ein anderes Kind beißt oder kratzt. Falls Du selbst Mama bist, hast du sicher solche Situationen mit Deinem eigenen Kind schon erlebt. Bestimmt hattest Du einen natürlichen Impuls dazwischen zu gehen. Du warst zutiefst erschrocken von deinem Kind oder wolltest es um jeden Preis vor dem beißenden Kind schützen. Wir sind besonders von Bissen erschrocken, die sichtbare (Biss-)spuren und -wunden hinterlassen. Wir verbinden mit Beißen etwas animalisches und ein Verhalten, das gesellschaftlich besonders inakzeptabel ist. Dadurch reagieren wir als Erwachsene viel intensiver auf Beißen, als zum Beispiel auf Schubsen.

Wenn es Dein Kind war, das gebissen hat, stellst Du dir vielleicht auch die Frage, ob Dein Kind schlecht erzogen ist und ob irgendwas nicht stimmt. Vielleicht zweifelst Du sogar an Deinem eigenen Umgang mit Deinem Kind.

Beißen, Kratzen, Hauen als Strategien zur Konfliktlösung

Wenn Du meine Blogartikel regelmäßig verfolgst, dann weißt Du, dass für mich der Schlüssel für den richtigen Umgang mit Kleinkindern häufig im notwendigen Know How und in der Beziehung zu deinem Kind liegt. Dies gilt auch besonders für dieses Thema, da es etwas den Schrecken in dem Verhalten nimmt.

Beißen, Kratzen und Hauen tritt häufig bei Kindern ab einem Jahr auf. Wir müssen uns bewusst machen, in welcher Phase sich Kleinkinder in diesem Alter befinden. Dein Kind kann in diesem Alter schon selbst die Welt entdecken. Es kann gehen oder krabbeln, Dinge in den Mund nehmen und sich mit Lauten schon etwas verständlich machen. Was es aber noch nicht kann, ist die eigenen Emotionen zu kontrollieren und zu reflektieren. Zudem kann Dein Kind noch nicht vorausschauend abschätzen, wie sich sein Handeln auf andere Kinder auswirken könnte und es durch dieses Handeln Schmerzen verursacht.

Das heißt also, Dein Kind ist schon ein großer Weltentdecker und agiert mit der Umwelt oder anderen Kindern, ihm fehlen aber noch komplett die Werkzeuge, um mit dem dabei aufkommenden Stress und Reizen emotional umzugehen und sein Verhalten abzuschätzen.

Entwicklung, Umwelt sowie Emotionen als Gründe für Beißen, Kratzen und Hauen

Ich möchte für Dich noch einmal etwas genauer darstellen, was die Gründe für Beißen, Kratzen und Hauen sein können, weil es Dir helfen kann, Situationen besser einzuschätzen und vielleicht auch Dinge zu ändern.

Teil einer Entwicklungsphase

Kleinkinder im Alter von einem Jahr erkunden ihre eigene Selbstwirksamkeit und machen erste Erfahrungen mit Ursache und Wirkung ihrer Handlungen. Das heißt, ein Kind beißt und was passiert? Das andere Kind weint, es kommt jemand angelaufen, auf einmal ist ganz viel los! Das Kind kann sich noch nicht in das andere Kind hineinversetzen und sich vorstellen, dass es nun Schmerzen hat. Aber der Trubel ist quasi wie ein Activity Center beim Spielen. Man drückt einen bestimmten Knopf und es passiert auf einmal ganz viel.

Ein anderer Grund kann sein, dass Dein Kind sich verständlich machen will und schnell frustriert ist, da es ihm mit der Sprache noch nicht so gelingt. Stell Dir mal vor, Du möchtest gerne selbstständig werden, vieles alleine machen, doch keiner versteht Dich und es wird über dich hinweggegangen. Das macht hilflos und wütend! HIlflosigkeit und Überforderung sind ziemlich blöde Gefühle, die zu Reaktionen wie beißen, kratzen oder hauen führen.

Das Kind benötigt orale Stimulation

Kleinkinder erkunden die Welt über ihren Mund. In dieser oralen Phase wird jeder Gegenstand in den Mund genommen. Ausprobieren, Untersuchen, Beißen, Knabbern, Lutschen sind normale Entwicklungsschritte in der oralen Phase. Auch dies kann ein Auslöser für Beißen sein. Manche Kinder beißen auch, weil sie starke Schmerzen oder unangenehme, sehr sensible Stellen in ihrem Mund haben, wenn Zähne durchbrechen. Der Mundbereich ist in diesem Alter extrem sensibel und wenn es dann noch wehtut und juckt, dann brauchen sie hier manchmal Stimulation. Wenn zu diesen Umständen noch äußere stressige Umgebungsfaktoren kommen, wird schnell zugebissen. Solche Situationen findet man häufig in der Morgenrunde oder z.B. in engen Situationen auf dem Spielplatz: Ein Kind ist aus den genannten Gründen bereits unleidlich, weil der Kiefer schmerzt, dann sitzen alle eng beieinander, drängeln womöglich und zack - ist es bereits passiert. 

Kleinkinder sind Egozentriker

Kleinkinder sind ihrer Meinung nach rechtmäßige Besitzer des Spielzeugs, das sie gerade in den Händen halten - unabhängig davon, wer es vorher hatte, mit in die Kita gebracht hat o.ä. Zuhause müssen sie ihr Spielzug zunächst nicht teilen und das müssen sie in der Kita erst lernen. Auch ihre Hirnentwicklung lässt es noch nicht zu, dass sie es ertragen können, Spielzeuge zu teilen. Erstmal ist alles “MEINS” und es ist für das Kleinkind sehr schwer zu verstehen, warum sie jetzt etwas abgeben sollen. Das Kleinkind ist noch dabei, seine Welt zu entdecken und zu erobern, moralisches Denken kommt erst später! Erst vor kurzem hat das Kleinkind entdeckt, dass es keine Symbiose mit Mama ist, sondern ein eigenständiger Mensch, ein “Ich”. Das “Du” und dann auch noch das “sich in das Gegenüber hineinversetzen”, was möchte der oder die andere, wie fühlt sich die Person, kommt erst ab ca. 4 Jahren. Es ist also ziemlich unangemessen von einem Kind im Alter von 1-3 Jahren zu verlangen, zu teilen. Es versteht die Welt nicht mehr und wird ihm von einem anderen Kind ein Spielzeug weggenommen, ist es für das Kind eine existenzielle Bedrohung. Es weint, ist traurig, manche Kinder brüllen und ja - manche Kinder hauen, kratzen oder beißen dann. 

Umgebungsbedingungen als Trigger

Ich hatte zu Beginn ja schon erwähnt, dass Kleinkinder im Alter von einem Jahr noch nicht ausreichend in der Lage sind, sich selbst zu regulieren. Besonders in stressigen Situationen benötigen sie dabei unsere Unterstützung. 

Stress kann für Dein Kind zum Beispiel entstehen, wenn es in der Kita zu vielen Reizen (zum Beispiel durch Lärm, zu viel Spielzeug) ausgesetzt ist und es zu wenig Erholungsphasen hat. Übermüdung, Hunger oder viele Kinder auf zu wenig Raum können ebenso zu Stress für Dein Kind führen. Manchmal sind die Räumlichkeiten in Krippen zu eng, zu voll (mit Möbeln und Materialien), laut und überhitzt. Das kann schnell zu Vulkanausbrüchen führen, sodass sich die Kinder untereinander vermehrt Hauen, Kratzen oder Beißen.

Ausdruck von Emotionen

Der letzte wesentliche Grund für Hauen, Kratzen und Beißen, ist der Ausdruck von Emotionen. Dies können Ängste sein, Frustration, der Wunsch nach Aufmerksamkeit oder auch überschießende Freude. Es gibt tatsächlich Kinder, die sind vor Freude und Aufregung so erregt, dass sie nicht wissen, wohin mit den Gefühlen und plötzlich zubeißen. 

Um dies an der Stelle auch ganz klar zu sagen, es kann immer mal vorkommen, dass Kinder aus den beschriebenen Gründen mal Hauen, Kratzen oder Beißen. Dies hat erst einmal nichts mit Deiner Erziehung zu tun. Natürlich möchten wir nun trotzdem nicht, dass sich dieses Verhalten verfestigt, da es letztlich bei anderen Kindern zu Verletzungen führt und es Teil der Entwicklung Deines Kindes ist zu lernen, dass Hauen, Kratzen oder Beißen keine Strategien zur Konfliktlösung sind.

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Bestandteil eines Lernprozesses

Wenn Du diese Hintergründe berücksichtigst, dann wird Dir deutlich, dass sich dein Kind mitten in einem Lernprozess zum Umgang mit Emotionen befindet. Und das braucht Zeit. Genauso wie sich dein Kind beim Laufen oder Sprechen ausprobiert und vortastet, so ist es auch beim Umgang mit den eigenen Emotionen und Konflikten. Für das Erlernen von Konfliktlösungen wird Kindern oft weniger Zeit eingeräumt, als für das Laufen oder Sprechen lernen. 

Wichtig ist dabei auch, dass es bei Kindern unter 3 Jahren noch keine Aggressivität im eigentlichen Sinne gibt. Somit lässt sich nicht sagen “Dieses Kind ist aggressiv”. 

Für Dich als Bezugsperson bedeutet dies, dass Du, wie bei anderen Lernprozessen auch, Dein Kind begleiten und unterstützen sowie richtige Alternativen aufzeigen solltest.

Gelegentlich höre ich auch, wie Kinder stigmatisiert werden mit “Das ist der Beißer”. Kinder, die beißen, wissen sich erstmal nicht anders zu helfen. 

5 Tipps, wie Du reagieren kannst

Der erste entscheidende Tipp (und der gehört noch nicht zur Liste 🙂 ) ist, dass Du reflektierst, welcher der zuvor beschriebenen Gründe der Auslöser für das Verhalten sein könnte. Dadurch kannst du für die Zukunft vielleicht Situationen anders gestalten und zum Beispiel eine Reizüberflutung vermeiden.

Ich möchte Dir nun aber Tipps mit an die Hand geben, wie du in der konkreten Situation reagieren könntest. Denn auch damit beeinflusst Du wesentlich, ob es nochmal vorkommt.

Tipp 1: Ruhig bleiben und nicht in Panik geraten

Du hast jetzt gelernt, dass Hauen, Kratzen und Beißen kein völlig ungewöhnliches Verhalten bei Kindern ist. Ich hoffe, das nimmt Dir etwas den Schockmoment und lässt Dich Ruhe bewahren. Darauf kommt es auch sehr an. Wenn Du in der Situation Hektik und Trubel erzeugst, dann speichert Dein Kind ab, dass es sehr viel Aufmerksamkeit bekommt, wenn es haut, kratzt oder beißt. Und Aufmerksamkeit ist für Kleinkinder erstmal sehr spannend. Doch eigentlich zeigt uns das Kind damit nur, dass es mehr gesehen werden muss. Es ist unsere Aufgabe, das Bedürfnis nach Nähe und den Tank nach Sicherheit und Geborgenheit zu erkennen und aufzufüllen, bevor es zum hauen, kratzen oder beißen kommt. 

Tipp 2: Dem verletzten Kind helfen und das andere Kind einbeziehen

Wenn ein Kind haut, kratzt oder beißt solltest Du natürlich eingreifen und am besten mit kurzen Stopp-Sätzen wie “Stopp, hör auf.”, die Situation beenden. Du solltest dann auch zunächst dem verletzten Kind Trost spenden.

Es bringt nichts, in dieser Situation zornig oder wütend auf das Kind zu reagieren, welches gehauen, gekratzt oder gebissen hat. Es versteht diese Zurechtweisung noch nicht und es hilft, wenn die Situation ruhig und klar besprochen wird: “Schau mal, xy weint. Beißen tut weh. Möchtest Du mir helfen, zu trösten?”

Tipp 3: Die Situation für beide Kinder klären

Es ist wichtig, dass du die Situation für beide Kinder auflöst. Das beißende Kind könnte selbst erschrocken und traurig über das Weinen des anderen Kindes sein, aber vielleicht auch wütend, weil es sein Spielzeug verteidigen wollte. Sprich es direkt an und gib dem Kind eine andere Lösungsmöglichkeit für die Zukunft. Du könntest sagen “Du bist wütend, weil Marta deine Puppe haben wollte. Beim nächsten mal könntest du sagen: nein, Marta!” Sag bitte nicht “Beißen tut man nicht.”, denn das ergibt eigentlich keinen Sinn. Denn wir alle beißen. Wichtig wäre es dem Kind eine Alternative aufzuzeigen und zu sagen “Man beißt keine Menschen, aber zum Beispiel einen Apfel oder Brot.”

Tipp 4: Nicht zurückbeißen

Ich sehe und höre gelegentlich, dass Eltern als Reaktion ihrem Kind deutlich machen wollen, dass Hauen, Kratzen und Beißen schmerzhaft ist. Demzufolge kratzen oder beißen sie zurück. Dadurch erreichst Du aber nur das Gegenteil von dem, was Du möchtest. Dein Kind ist zunächst erschrocken und enttäuscht, dass es von einer nahestehenden Bezugsperson Schmerzen erfährt. Es kann nicht verstehen, dass damit gemeint ist, dass es einem anderen Kind auch wehgetan hat und wird es so interpretieren, als wäre Hauen, Kratzen und Beißen anscheinend ein angemessenes Verhalten.

Tipp 5: Schlussstrich ziehen und Alternativen bieten

Wenn Du eine Idee hast, was der Auslöser für die Reaktion des Kindes war, dann kannst du versuchen Alternativen zu bieten, um den Konflikt zu vermeiden. Wenn der Auslöser zum Beispiel ein Spielzeug war, kannst du andere Spielzeuge anbieten und dadurch vielleicht den Frust und Zorn auflösen. Vielleicht benötigt dein Kind auch einen kühlenden Beißring, der dem schmerzenden Kiefer entgegen wirkt. 

Damit verbunden ist auch, dass Du unter die Situation einen Schlussstrich ziehst und die Kinder wieder ins Spiel entlässt (zusammen oder getrennt). Ich hoffe es ist aus meinem Beitrag deutlich geworden, dass es nichts bringt, nachtragend mit dem Kind zu sein. Auch weiterführende Maßregelungen sind unangebracht.

Mit diesem Hintergrundwissen und Tipps bist du gut gewappnet, falls Dein Kind mal in Situationen mit Hauen, Kratzen oder Beißen involviert ist. Ich wünsche Dir, dass er dir gelingt, entsprechend besonnen zu reagieren und dass du dich daran erinnerst, dass es in der Regel eine Reaktion ist, die Ursachen hat, denen wir auf den Grund gehen können.

Deine Annika

Know-Wow

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Hi, ich bin Annika, Expertin für frühkindliche Entwicklung und Spezialistin für die Beratung von Familien. Ich zeige dir, wie du dein Kind friedlich und bedürfnisorientiert durch die Autonomieentwicklung ("Trotzphase") begleitest.

Bedürfnisorientiert. Selbstbestimmt. Ganzheitlich.

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