Januar 10, 2021

Penis, Scheide, Doktorspiele – Also mit Sex hat mein Kind nichts zu tun!

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Na, habe ich eure Aufmerksamkeit? Ich möchte auf das Thema "Doktorspiele bei Kindern" eingehen, welches bei vielen Erwachsenen Scham auslöst und bei dem viele erwidern, darüber “müsse man doch jetzt nicht sprechen, denn mit Sex hat unser Kind noch nichts zu tun”.

Doch. Hat es. Kinder sind schon vorgeburtlich sexuelle Wesen. Schon im Mutterleib können sexuelle Erregungen sichtbar werden. Auch in den Monaten nach der Geburt, wenn mit den Eltern viel geschmust und gekuschelt wird, also Bonding stattfindet, können physische Reize sexuelle Erregung auslösen. Doch damit ist nicht gemeint, was wir Erwachsene unter sexueller Erregung verstehen.

Eltern berichten im ersten Lebensjahr ihres Babys, dass es - mit steigenden motorischen Fähigkeiten - zunehmend den eigenen Körper und auch die Geschlechtsorgane entdeckt. Was anfangs zufällig ist, wird nach und nach gezielter, denn Kinder empfinden dabei Lust.

Erwachsene leiden häufig unter einer Sprachlosigkeit zu kindlicher Sexualität und Doktorspielen - zu Lasten des Kinderschutzes!

Es ist wichtig, darüber ins Gespräch zu kommen. Wir müssen uns bewusst machen, dass Kinder ihren Körper kennenlernen müssen, um später auch ihre Grenzen aufzeigen zu können. Wenn Kinder die Erfahrung machen, dass alle verschämt zur Seite schauen, wenn sie ihren Körper erforschen, beginnen sie, sich für ihren Körper und ihre Neugier zu schämen und zu verstecken.

In diesem Blogbeitrag erfährst du also Grundlegendes zur kindlichen sexuellen Entwicklung und worin sie sich zur erwachsenen Sexualität unterscheidet. Du erfährst, warum Doktorspiele wichtig sind, wie dabei Regeln vereinbart werden könnten. Zudem möchte ich Dir zeigen, was dieses Thema eigentlich mit Kinderschutz zu tun hat und wie Du dein Kind durch einen entspannten Umgang stärken kannst.

Die kindliche Sexualität unterscheidet sich von der erwachsenen Sexualität!

Kinder durchlaufen also in den ersten Lebensjahren Phasen psychosexueller Entwicklung. Was uns Erwachsene daran irritiert, ist, dass wir unsere eigenen Assoziationen von Sexualität und Erotik auf die kindlichen unschuldigen Handlungen übertragen und diese mit unserer Brille betrachten. 

Kinder agieren in dieser Phase total unbefangen und aus reiner Neugier. Sie sind schlicht dabei ihren Körper zu erforschen. Dieses Verhalten trifft nun auf das Schamgefühl von uns Erwachsenen. Dein Kind kennt jedoch in diesem Alter so etwas wie Scham noch nicht. Die kindliche Scham entsteht frühestens ab dem 3. Lebensjahr und ist meist erst so mit 5 Jahren ausgebildet.

Merkmale kindlicher Sexualität

  • Kindliche Sexualität und Lustempfinden ist auf alle Sinne und nicht rein genital bezogen: Kinder suchen mit allen Sinnen nach Lusterfüllung!
  • Kindliche sexuelle Aktivitäten sind nicht zielgerichtet - es geht zunächst rein um das Erforschen des Körpers und nicht um z.B. den Orgasmus.
  • Kinder trennen nicht zwischen Zärtlichkeit, Sinnlichkeit und Sexualität; sie bewerten nicht die verschiedenen Möglichkeiten, sich schöne Gefühle zu verschaffen, sondern nutzen alle Gelegenheiten, um sich wohl und geborgen zu fühlen und ihren Körper kennen zu lernen
  • Kindliche Lust ist egozentrisch und nicht beziehungsorientiert wie meist bei Erwachsenen. Ein Kind tut das für sich und nicht, um Liebe zu einer anderen Person auszudrücken. 

Kinder denken nicht sexuell mit der Brille der Erwachsenen. 

Hinterfragt euch mal selbst: Wie reagiert ihr denn eigentlich, wenn euer Baby auf dem Wickeltisch seine Geschlechtsorgane entdeckt? Benennt ihr das genauso wie die Nase, die Arme, die Beine? 

Die meisten Erwachsenen bleiben stumm oder erfinden Fantasieworte. “Jaaa, da ist die Nase. Da ist dein Ohr. Die Arme! Und das - äh deine Mumu / dein Pipi!”. Oder es wird verschämt die Hand weggezogen. 

Die kleinen Forscher entdecken die Welt - und den eigenen Körper 

Dabei wollen Kinder die Welt erforschen. Am nächsten ist dabei der eigene Körper. Sie wollen ertasten, befühlen, schmecken, riechen, mit allen Sinnen ohne erotische Hintergedanken. Dadurch entwickelt sich das Körper- und Selbstbild. Dies ist auch unheimlich wichtig für die Entstehung späterer, erwachsener Beziehungen.

Ausbildung der Geschlechtsidentität: Du siehst anders aus als ich

Wenn die Kinder älter werden, so ab ca. 2 Jahren, wird die Erforschung des eigenen Körpers und die der anderen bei Doktorspielen intensiver. Kinder beginnen Fragen zu stellen, auch zum Körper ihrer Eltern. Viele Eltern finden, dass die Kinder viel zu häufig “an sich selbst rumspielen”, doch bei Kindern dient das oft auch zum simplen Zweck der Beruhigung. 

Wenn Kinder ihren eigenen Körper entdecken und dabei die Erfahrung von schönen Empfindungen machen dürfen, können sie später unterscheiden, welche Empfindungen sie schön und welche sie als eher negativ und unangenehm wahrnehmen. Und das ist es doch, was wir uns für unsere Kinder wünschen oder? Dass sie im richtigen Moment auch Nein sagen können, weil sie gelernt haben, auf ihren Körper zu hören.

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Welche Begriffe solltest Du für Körperteile nutzen und warum?

Es gibt so viele unterschiedliche Begriffe für Geschlechtsorgane: Pipi. Lulli, Penis, Pipimann, Mumu, Muschi, Scheide. Viele nutzen familienintern Begriffe für Geschlechtsteile, die auf den ersten Blick nicht als Bezeichnung für die Genitalien zu erkennen sind. 

Du solltest mit deinem Kind besprechen, dass es verschiedene Begriffe gibt. Benennt Körperteile klar. Dabei solltet ihr Geschlechtsteile nicht auslassen und die Begriffe dafür auch variieren. Wenn euer Sohn in der Kita sagt “Pipi aua” können bei den Fachkräften ziemlich die Alarmglocken klingeln. Es kann bedeuten, dass es beim Pipimachen brennt, aber auch dass sein Penis weh tut, weil - im schlimmsten Fall - ein Übergriff stattgefunden hat.

Kinder sollten klare Begrifflichkeiten für ihren Körper kennen, damit sie besser Grenzen setzen können und eher verstanden werden. 

Wenn Erwachsene mit ihren Assoziationen fragen “Hat Dich jemand angefasst”? und meinen damit einen sexuellen Übergriff, verstehen Kinder das häufig nicht und bejahen das, denn was ist daran so schlimm? Erwachsener sollten solche Suggestivfragen vermeiden. Besser wäre es eindeutig zu fragen “Hat dich jemand an deinem Penis/ deiner Scheide angefasst”?  

Regeln für die Erforschung des Körpers

Wenn dein Kind älter wird, dann wird es wahrscheinlich irgendwann beginnen, sich mit zunehmendem Schamgefühl (ab ca. 3,5- 4Jahren) für Doktorspiele und Körpererkundungsspiele mit anderen Kindern zurückzuziehen. Dann ist es wichtig, dass dein Kind die Sicherheit hat, mit Dir darüber reden zu können. Ihr solltet gemeinsam Regeln vereinbaren, die von allen eingehalten werden. 

Regeln könnten sein: 

  1. Ein “Stopp” gilt immer! Auch wenn Kinder uns gegenüber ein “Stopp” signalisieren!
  2. Es wird nichts in Körperöffnungen gesteckt
  3. Doktorspiele sind freiwillig und können jederzeit beendet werden.
  4. Zwischen den Kindern sollten keine großen Entwicklungsunterschiede sein, damit ein Ungleichgewicht im Machtverhältnis vermieden wird

Gute und schlechte Geheimnisse

Eine fehlende Kommunikation von Dir mit deinem Kind über Geschlechtsteile oder Sexualität kann negative Folgen haben. Eventuell erlangen sie dann das Gefühl, dass alles zwischen ihren Beinen ein blinder Fleck und eine Tabuzone oder irgendwie eine geheime Sache ist. Als Folge suchen sie in gefährlichen Situationen eventuell seltener das Gespräch zu Dir. 

Je älter Kinder werden, desto eher beginnen sie, untereinander Geheimnisse zu haben. Besprich mit deinem Kind den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen. Dein Kind sollte wissen, dass alles, was gegen seinen Willen geschieht und geheim gehalten werden soll, ein schlechtes Geheimnis ist. Und dein Kind muss wissen: Geheimnisse, die sich schlecht anfühlen, müssen nicht geheim gehalten werden!

5 Tipps, wie du dein Kind liebevoll und respektvoll in seiner sexuellen Entwicklung begleiten kannst:

Tipp 1: Es ist okay, seinen Körper zu erforschen!

Wenn Mama oder Papa schimpfen, wenn dein Kind sich und seinen Körper entdeckt, lernt es, dass der eigene Körper etwas schlechtes, verbotenes ist. Der Körper, seine Empfindungen und die eigene Sexualität wird tabuisiert. Versucht, entspannt zu bleiben und euren Kindern einen geschützten Raum zu schaffen.

Tipp 2: Es ist okay, wenn ihr Grenzen zieht.

“Zuhause darfst du das machen, hier im Supermarkt nicht.” Das ist eine beispielhafte Grenze, bei der Kinder verstehen, dass manche Dinge nur im Privaten getan werden dürfen. Das können sie verstehen und es ist okay, wenn ihr als Erwachsene (auch zum Schutz eurer Kinder) in der Öffentlichkeit einen Riegel vorschiebt. Versucht aber, das möglichst ruhig und nicht beschämt zu tun, damit euer Kind nicht das Gefühl von “Falsch sein” hat. 

Tipp 3: Bei Fragen reichen kurze, ehrliche Antworten. 

Erwachsene geraten meist in Erklärungsnot, wenn Kinder Fragen stellen. Versucht möglichst ehrlich und knapp zu antworten, die meisten Erwachsenen neigen dazu, gleich sehr umfangreich zu sein. Kindern reicht meist ein Satz, den sie dann erstmal mitnehmen, verarbeiten und in ein paar Tagen kommt die nächste Frage - und bis dahin hattest Du schon Zeit, dir weitere Antworten zurecht zu legen. 

Tipp 4: Grenzen setzen und respektieren.

Stopp heißt Stopp und Nein heißt Nein. Wir sollten das Nein von Kindern respektieren. Wenn es nicht von jedem geküsst oder auf den Arm genommen werden mag, sollten wir das respektieren, damit unser Kind lernt, dass es über seinen Körper bestimmen darf. Kinder, die wissen, dass sie Nein sagen dürfen, sind stärker geschützt gegenüber sexuellen Übergriffen! Auch wir Erwachsene dürfen Grenzen ziehen und Nein sagen. Es gibt Eltern, die sich nicht gerne nackig vor ihren Kindern zeigen und auch das kann mit den Kindern ruhig und klar kommuniziert werden. So lernen sie, dass man etwas ablehnen darf - so wie man auch sagt, dass man keinen Spinat mag. 

Tipp 5: Benennt Körperteile mit klaren Begriffen

Das habe ich oben schon erläutert: Aus Gründen des Kinderschutzes ist es wichtig, dass dein Kind über klare, deutliche Begriffe verfügt, die auch andere, wie z.B. pädagogische Fachkräfte verstehen. Körperteile sollten nicht tabuisiert werden.

Dein Beitrag zu einem effektiven Kinderschutz

Ich hoffe, dieser Blogartikel konnte Dir behilflich sein, eine neue Perspektive auf das Thema der kindlichen Sexualität zu erlangen. Ich finde es unheimlich wichtig, dass wir unser eigenes Schamgefühl zurückstellen und unser Kind stark machen, wenn es um Kinderschutz geht. Unser Kind kann nur effektiv geschützt sein, wenn es: 

  • weiß, wie seine Körperteile heißen
  • weiß, dass es über seinen eigenen Körper bestimmen darf.
  • schöne von unangenehmen Empfindungen unterscheiden kann 

Einen wesentlichen Beitrag dazu leisten wir auch, wenn wir achtsam starke Gefühle unseres Kindes begleiten und negative Gefühle nicht unterdrücken. Wie das geht, erfährst Du in meiner Videoserie Raus aus der Wutspirale.

Schreib mir gerne, wenn Du weitere Fragen zu dem Thema hast! Nützliche Informationen findest Du z.B. auch hier:

Informationen zu Prävention vor sexuellen Übergriffen (auch unter Kindern) findet ihr z.B. bei Zartbitter e.V.

Deine Annika

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Hi, ich bin Annika, Expertin für frühkindliche Entwicklung und Spezialistin für die Beratung von Familien. Ich zeige dir, wie du dein Kind friedlich und bedürfnisorientiert durch die Autonomieentwicklung ("Trotzphase") begleitest.

Bedürfnisorientiert. Selbstbestimmt. Ganzheitlich.

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